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✶ Frauenorchester Köln ✶ Biographisches | Neschville

Vorrede: Die Zeit mit dem Großen & Gemischten Frauenorchester Köln war ein wichtiger Abschnitt meines musikalischen Lebens, Grund genug ein paar Worte darüber zu schreiben.

Lang lang ist's her, meine Erinnerungen sind bruchstückhaft. Viele Frauen haben im Frauenorchester Köln gesungen und gespielt. Jede wird eine andere Geschichte erzählen.

Für jede hatte das Orchester eine andere Bedeutung. Ich möchte nicht ins Fabulieren geraten, darum werde ich zunächst einmal zwei Männer zu Wort kommen lassen, deren Beschreibung einen guten Einblick gewährt.

Zitat: Das Große Frauenorchester Köln... war 1977 auf Initiative der Exil-Wienerin Mischi Steinbrück sowie von Theresia Schräder zusammengekommen. Sie hatten in Männerbands vergeblich versucht, ihre (weibliche) Sicht der Dinge einzubringen; als Konsequenz setzten sie eine Anzeige in die Kölner Stadtrevue. Auf die Anzeige meldeten sich zwanzig Frauen... zwischen 19 und 35 Jahren. Im musikalischen Gestus stark mediterran geprägt (viele Texte wurden zu italienischen Volksliedmelodien gesungen), machten programmatische Lieder wie die Hausfrauenballade oder Ach hätt ich doch nen Mann das Große wie das Gemischte Frauenorchester Köln (eine kompakte Konzertvariante mit Mischi Steinbrück, Theresia Schräder, Martina Neschen und Adrian Ils als einzigem Mann) zu einem bundesweit populären Sprachrohr der sich Stimme verschaffenden Frauenbewegung. Quelle: Wolfgang Sterneck aus dem Buch: Der Kampf um die Träume, Musik und Gesellschaft, KomistA (www.sterneck.net)

Großes Frauenorchester Köln 1979
Großes Frauenorchester Köln - Life in München 1979

Wow! Bundesweit populäres Sprachrohr!
Das habe ich damals nicht so empfunden. Vielleicht weil alles so spannend und verwirrend war für eine junge Frau. (Ich war die 19 jährige.) Zudem: wenn frau mittendrin ist, scheint es oft nicht zu funkeln und zu glänzen, sondern zu hageln, zu stürmen und zu donnern.

Zitat: Die Gründung des Großen Frauenorchesters Köln ging auf einen Artikel in einer alternativen Stadtzeitung zurück, in dem zwei Frauen zur Gründung einer Frauenmusikgruppe aufriefen. In Folge meldeten sich zwanzig Frauen im Alter zwischen neunzehn und fünfunddreißig Jahren, die, wie es in einer Selbstdarstellung hieß, fast durchgehend in verschiedenen Musikgruppen unabhängig voneinander die trübe Erfahrung gemacht hatten, dass ihre Liedvorschläge und musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten von Männermusikern nicht ernst genommen wurden. 7)

Aus diesen Erfahrungen zogen die Frauen die Konsequenz eine Gruppe bzw. ein Orchester zu bilden, das ausschließlich aus Frauen besteht. Früher haben wir etwas wurschtig gelacht, wenn man uns auf den Namen Orchester ansprach, denn der konventionelle Vorstellung von Orchester mit Geigen und Trompeten und vor allem Direktion entsprechen wir nicht. Später wurden wir uns dann darüber klar, dass unsere verschiedenartigen Stimmen und Meinungen den Namen Orchester rechtfertigen. Das war am Anfang das Faszinierendste, die menschliche, die weibliche Stimme in ihren Färbungen, Brüchigkeiten. 8)

7) Aus dem Begleittext zur LP: Frauenorchester Köln / Mittags koch ich aber nicht. (Trikont). 1979
8) Aus einer Selbstdarstellung des Großen Kölner Frauenorchesters. Köln, 1982

Quelle: Folk in Nordrhein-Westfalen: Bernhard Hanneken aus: Folk & Liedermacher an Rhein und Ruhr,
hrsg. von Robert v. Zahn, 2002 Agenda Verlag Münster

A propos Männer: Ach hätt ich doch nen Mann sang ich damals, die Übersetzung eines alten französischen Volksliedes über eine junge Frau die sich falsche Hoffnungen macht.

Gemischtes Frauenorchester Köln 1980
Gemischtes Frauenorchester Köln 1980

Das Frauenorchester Köln (Gemischtes und Großes) spielte auf Demos (§ 218, §88a, Anti-Atomkraft etc.), spielte Benefiz für Frauenzentren, bei der Stollwerckbesetzung, für die frisch gegründeten Grünen, gegen Stadtautobahnen, für den Erhalt von Bäumen und Nippeser Markt, für die Alte Feuerwache. Es war ordentlich was los.

Wir gaben auch ganz normale Konzerte (teilweise mitgeschnitten vom WDR) so wie in München, wo die (einzige) LP live aufgenommen wurde. Zwei Mikros, Tonbandmaschine und los! Ein Zeitdokument, ein Stück Geschichte, ein Stück unserer Geschichte und darum sei an dieser Stelle der Text der LP-Rückseite in vollständig zitiert.


Ungefähr vor zwei Jahren - also 1977 - begannen in Köln einige Frauen sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, Frauenmusik zu machen. Sie hatten in verschiedenen Musikgruppen unabhängig voneinander die trübe Erfahrung gemacht, daß ihre Liedvorschläge und musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten von den Männermusikern nicht ernstgenommen werden. So zogen sie endlich die Konsequenzen und beschlossen, es ohne Männer zu versuchen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen, eine feste Frauenmusikgruppe auf die Beine zu stellen, setzten Mischi und Theresia im Oktober 1978 einen Artikel in die Kölner Stadtrevue.

Darin hieß es: Wir machen Lieder, die sich mit dem Alltag zu Hause und auf der Arbeit auseinandersetzen und in denen wir aktuelle politische Themen wie Umweltzerstörung, politische Zensur und Ähnliches aufgreifen. In der gemeinsamen Arbeit mit Frauen wollen wir mit der Musik eine Ausdrucksform finden, in der sich speziell das Verhältnis von Frauen zu ihrer Umwelt widerspiegelt.

Auf diesen Artikel hin meldeten sich 20 Frauen - Berufstätige, Arbeitslose und Studentinnen im Alter von 19 - 35 Jahren. Damit war eine völlig unerwartete Situation geschaffen. Sich in einer derart großen Gruppe kennenzulernen, herauszufinden, was für eine Musik bei einer solchen Vielfalt von Erwartungen möglich ist, ob man sich aufteilt, wo man mit so vielen Leuten proben soll... alles das waren Fragen, deren Klärung eine Menge Zeit in Anspruch nahm und nimmt.

Aus der Arbeit vorher lag zwar ein gewisses Liederrepertoire vor, aber das eignete sich eher für eine kleinere Musikgruppe und nicht für 20 Frauen. Und weil Mischi und Theresia weiterhin dringende Auftrittsangebote bekamen und natürlich auch das bereits vorhandene Repertoire nicht aufgeben wollten, kam parallel zum 'Großen Frauenorchester Köln' das (kleine) 'Gemischte Frauenorchester Köln' zustande, in dem drei Frauen und ein Mann zusammen spielen.

LP Frauenorchester Köln Vorderseite LP Frauenorchester Köln Rückseite
LP: Frauenorchester Köln - Mittags koch ich aber nicht (Trikont 1979)

Anfangs war diese Zusammenarbeit mehr provisorisch und zeitlich begrenzt gedacht. Aber schon nach kurzer Zeit entwickelte sich unsere Zusammenarbeit so befriedigend und machte uns so viel Spaß, daß wir bis heute zusammen spielen. Zwischen dem Anspruch als Frauen Musik zu machen und dieser Gruppenzusammensetzung besteht ein Widerspruch, der für das 'Gemischte Frauenorchester' schwer zu lösen ist.

Zur Zeit jedenfalls sieht's so aus: Wir treffen uns regelmäßig in beiden Gruppen und sind auch schon alle zusammen öffentlich aufgetreten. Im 'Großen Frauenorchester' hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, daß wir sowohl in unseren musikalischen als auch politischen Vorstellungen als auch in unserer Haltung gegenüber der Frauenbewegung ganz schön unterschiedlich sind. Und so raufen wir uns jetzt zeitraubend zusammen, was auch der Grund dafür ist, daß das 'Große Frauenorchester' auf dieser Platte mit nur drei Liedern vertreten ist. Im 'Gemischten Frauenorchester' geht's etwas professioneller zu und etwas weniger konfliktreich.

Wir wissen alle noch nicht so genau, wie wir auf die Dauer weitermachen werden. Und so verstehen wir diese Platte als eine Momentaufnahme innerhalb einer offenen Entwicklung, mit der Hoffnung, daß andere Frauen Lust kriegen, so was Ähnliches zu machen wie wir. Quelle: Text LP - Rückseite


Inzwischen wundert mich so Einiges, sei es, dass sich zwanzig Frauen die Frage stellen ob man sich aufteilt, wo man mit so vielen Leuten proben soll, sei es, dass ein nicht zu lösender Widerspruch als schwer zu lösender Widerspruch bezeichnet wird oder die kühne These: Im Gemischten Frauenorchester geht's etwas professioneller zu und etwas weniger konfliktreich.

Professionell geht's heutzutage allerorten zu und Frauen stehen oft in vorderster Front, wenn's darum geht Professionalität und wie auch immer geartete weibliche Kompetenz zu beweisen. Ich steh da und seh zu mit einem lachenden und elf weinenden Augen und bitte höflichst:

Nenn mich Schnüssetring, Emanze, avjezockte Bützmamsell
Loser, Seivermuul, e Halvjehang un intellektuell
Nenn mich avejtakelt Irmche un wenn et sinn muss Annabell
But don't you ever, don't you ever call me: Professionell!

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